Kriegsereignisse

Kriegsereignisse der letzten Jahrhunderte

Immer wieder ist unserer Gegend durch kriegerische Ereignisse schwer heimgesucht worden. Für die über Jahrhunderte zurückliegenden Kriege gibt es für Poll nur Aufzeichnungen aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Diese Kriegsgräuel sind aber noch viel schrecklicher gewesen, als die des Zweiten Weltkrieges.

In einer "Desigantion im Fürstentum Gulich beschehener Inlagerungen und Durchzüge", aufgestellt von den jülich'schen Landständen für die Jahre 1568 bis 1589, heißt es, dass dem Amt Nörvenich in den Jahren 1578 bis 1579 von königlich spanischem Kriegsvolk Schäden in Höhe von 3.888 1/2 Talern zugefügt wurde. Für den angegebenen Zeitraum sind keine einzelnen Orte genannt. Weiter heißt es an verschiedenen Stellen dieser Beschreibung unter ausdrücklicher Nennung von Poll:

"Den 19. July Anoo (15)88 haben die Kön(iglich spanischen) Kriegsleute, so domalen vor Bon(n) gelegen, das Dorff Poll im Ambt Nörvenich in Brandt gestochen, vier gewaltiger Hofe verbrandt uber 70 Stück Khüebeesten aus negstliegendem Dorff Lüxheim hingenommen."

"Ein Regiment Walohnen von zehn Fänlin, daruber Baron de Lykes Obrist gewesen, ist den 14. Marty Anno (15)86 auß dem Reich Aach(en) kommen ... den 16. aber zu Mertzenich, Goltzum und darumbher sich niergethon, den 24. sich zu Poll und in die Herligkeit Gladbach und Muderßheim eingelegertt".

"An 3. May (1589) das Dorff Dorweiler in Ambt Norvenich an aller Fahrnüß, Haab, Gueter und Viehe außgeplündert."

Zu den "vier gewaltige Hofe" hat der aus Rath stammende Rektor Anton Schauf in den Heimat-Blättern, Beilage zur Dürener Zeitung von 1928, geschrieben, es habe sich um folgende Höfe gehandelt: Baggeler Hof, Neressen Hof, Geuers Hof, Gassen Hof.

Nach Laurenz Oepen sind diese Höfe nicht wieder aufgebaut worden. Ihre Standorte sollen noch bis zur Verfüllung bei der Flurbereinigung 1970 erkennbar gewesen sein. Vielleicht hat der ehemalige Brandweiher "Neresse Pool" etwas mit dem "Neresser Hof" zu tun.

Bei der Brandschatzung von 1588 und den Einquartierungen ist es aber nicht mit der Vernichtung der vier Höfe und dem bloßen Quartier abgegangen. In dem Artikel von Anton Schauf von 1928 heißt es, dass auch zahlreiche Wohnhäuser und das Langhaus der Kapelle gebrannt haben.

Nach der oben zitierten Aufstellung für die Jahre 1568 bis 1589 blieb es bei solchen Brandschatzungen und Einquartierungen nicht beim bloßen Anzünden der Häuser. In der Regel wurden alle Häuser ausgeplündert, das Vieh abgetrieben, Frauen und Mädchen vergewaltigt.

Eine solche Brandschatzung mit schrecklichen Folgen erwähnt der Nörvenicher Pastor Conradus Flocken, der von 1646 bis 1664 in Nörvenich wirkte, in seinen Aufzeichnungen. Er schrieb im Jahre 1652 über die Verhältnisse, die er bei seinem Dienstantritt in Nörvenich 1646 vorfand über den sogenannten "Hesseneinfall" von 1642:

"Nörvenich war nach schweren Geldeintreibungen und mehrfacher Wegführung von Menschen und Vieh zwar noch bewohnt, aber das meiste Land ... blieb bis auf den heutigen Tag (also von 1642 bis 1652) unbestellt und brach ... . Poll, Dorweiler, Hochkirchen, Eggersheim und Irresheim waren verlassen von der Zeit der Belagerung Lechenichs (1642) bis zum Jahre 1649 ..."

Nach diesem Bericht kann man schließen, dass die Brandschatzungen durch die Hessen von 1642, die die Dörfer sieben Jahre lang völlig entvölkerten, so gründlich waren, dass die Menschen, soweit sie die Überfälle lebens überstanden hatten, keinerlei Lebensgrundlage mehr in ihren Dörfern hatten.

Weitere Berichte über kriegerische Ereignisse in Poll liegen nicht vor. Sicherlich sind aber zu Beginn des 18. Jahrhunderts, besonders aber dann beim Einmarsch der französischen Revolutionstruppen im Oktober 1794 und beim Vorrücken der preußischen und russischen Heere im Jahre 1814 erneut schwere Belastungen für die Bevölkerung entstanden.


Genaueres ist uns dann über die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert bekannt.

In den vier Jahren des ersten Weltkrieges wurden insgesamt 42 Männer aus Poll zum Kriegsdienst einberufen, davon sind 10 gefallen oder vermisst. Über herausragende Ereignisse im Dorf ist außer der Ablieferung von zwei Glocken aus der Kapelle nichts überliefert.

Für den zweiten Weltkrieg notiert Laurenz Oepen "nur" 21 Einberufungen zum Kriegsdienst und sechs Gefallene.

Im Dorf gab es in den ersten Kriegsmonaten bis Mai 1940 Einquartierungen von zahlreichen Soldaten, die dann zum "Frankreich-Feldzug" aufbrachen.

Am 21.06.1941 wurden hunderte Stabbrandbomben durch feindliche Flugzeuge abgeworfen, die alle in der Feldgemarkung landeten und keine Schäden anrichteten.

Pfingstsonntag, am 28.05.1944, war ein aus Richtung Hochkirchen kommendes Feindflugzeug eine Luftmine ins Dorf. Sie durchschlug mehrere Scheunen- und Stallwände, die Hauswand bei Familie Strohband und blieb dann dort auf einem Bett liegen, ohne zu detonieren. Bei der Entschärfung des 20-Zentner-Sprenkörpers musste das ganze Dorf geräumt werden. Die gefährliche Mine lag bis zum Kriegsende im Dorf vor einem Haus, wo sie sogar als Sitzbank genutzt wurde.

Am 17.09.1944 ging zwischen Poll und Erp eine V1-Rakete nieder. Es handelte sich um eine von Hitler's Propagandaminister als Wunderwaffe gepriesene "Vergeltungswaffe", wie sie in Richtung London abgeschossen wurde. Hier im Poller Feld explodierte sie nicht.

Ein Bombenteppich wurde am 30.09.1944 über dem Rott abgeworfen; etwa 200 bis 300 Meter vom Dorf entfernt detonierten die Bomben. Es wurden rund 150 Bombentrichter gezählt.

Wegen der feindlichen Tiefflieger, die jeden einzelnen Menschen beschossen, konnte im Herbst 1944 die Zuckerrübenernte nicht eingebracht werden.

Am 20.11.1944 kamen in Poll die ersten Flüchtliche aus dem westlichen Frontgebiet an.

Im Hof der Familie Strohband, wo eine Artillerieeinheit ihre Feldmaschine aufgestellt hatte, explodierten am 15.12.1944 fehlgeleitete Flakgeschosse. Dabei kamen 3 Soldaten ums Leben, 3 wurden verletzt, eine Kuh wurde getötet.

Im November/Dezember lagen in Poll und in der ganzen Umgebung Einheiten der SS-Leibstandarte Adolf Hitler und andere SS- und Wehrmachtsverbände im Quartier. Sie brachen von hier aus zur "Ardennen-Offensive" auf.

Etwa 100 russische Kriegsgefangene, die von SA-Männern bewacht wurden, kamen von Poll aus zum Auswerfen von Schützenlöchern, Geschützstellungen und ähnlichen Anlagen zum Einsatz.

Bei Artilleriebeschuss am 13.02.1945 wurde Frau Marie Oepen geb. Krebs aus Dorweiler, die bei ihren Eltern in Poll zu Besuch war, ein Arm abgerissen.

Auch am 21. und 22.02.1945 lag das Dorf unter feindlichem Artilleriebeschuss, der zeitweise die Stärke von Trommelfeuer annahm.

Ein Oberleutnant, der im Hoftor der Familie Becker stand, wurde am 25.02.1945 durch Tieffliegerbeschuss getötet.

Erst am 25.03.1945 gegen 17:30 Uhr kam für Poll der Räumungsbefehl. In der Nacht zum 26.02. zogen alle Poller mit Traktoren, Pferde- und Ochsengespannen, ihr Hab und Gut auf Karren und Wagen verladen, aus dem Dorf. Einige konnten das Ende der Kampfhandlungen im benachbarten Ahrem abwarten, andere verschlug es nach Lommersum, in den Siegkreis, ins bergische Land und noch weiter über den Rhein.

Nach Kriegsende kamen alle in die Heimat zurück. Die erste bittere Enttäuschung bei der Wiedersehensfreude war die Feststellung, dass alles, was nicht mit in die Evakuierung genommen worden war, gestohlen wurde. Selbst vergrabene Verstecke waren ausfindig gemacht worden.

Das sehnlich erwartete Kriegsende bedeutete für fast alle Familien einen völlig neuen Existenzaufbau.

Quelle: Karl Heinz Türk 2003

Alle Angaben aus den beiden Weltkriegen aus den Aufzeichnungen von Laurenz Oepen, der sich für die Jahre 1944/45 auf Unterlagen von Balthasar Funk